Volker Billen

In diesem Bereich sollen Reilinger/innen zum Thema "Corona" zu Wort kommen.
Es wird in Interviewform aufgezeigt, wie dieses Virus unser tägliches Leben beeinflasst.
Vorschläge für Themem und Interviewpartner/innen sind willkommen!
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Ralph_Pfahler
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Registriert: 29. Mär 2020, 12:28

Volker Billen

#1 Beitrag von Ralph_Pfahler »

Volker Billen wohnt in unserer französischen Partnergemeinde Jargeau.
Er ist Vorsitzender des Partnerschaftsvereins AJR (Association Jargeau-Reilingen).


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Frage: Das Corona-Virus hat ganz Europa im Griff. Wie sieht die Lage in Frankreich speziell bei Euch in Jargeau aus?
Volker Billen:

Die getroffenen Maßnahmen hier in Frankreich sind ja ähnlich denen in Deutschland
(überwiegend zu Hause bleiben, Menschen der Risikogruppen schützen, keine Verwandtenbesuche, Schulen, Gastronomie und Geschäfte geschlossen, Konzerte/Theater abgesagt etc. ).
Dazu unterliegen wir hier aber ganz offiziell einer Ausgangssperre, dem sog. "confinement". Wir dürfen also nicht mal eben 25 km mit dem Rad fahren um uns auszupowern. Maximal 1 Stunde ist erlaubt und maximal 1 km rund um das Haus/die Wohnung.
Vor jeglichem Gang außer Haus muss eine "attestation de déplacement", eine Ehrenerklärung abgegeben, auf Papier (oder Handy) ausgefüllt und unterschrieben werden. Es gibt nur 7 Gründe, warum man das Haus verlassen darf (z.B. Einkauf des Lebensnotwendigsten, Versorgung anderer etc.)
Das ganze wird kontrolliert und im Zweifelsfall - wie in Deutschland auch - mit Geldstrafen geahndet.
Wie sieht es speziell in Jargeau aus ? Es ist ruhig, kaum Autoverkehr, wenig Leute im öffentlichen Raum ...ein bißchen wie im August, wenn viele im Urlaub sind und 40 Grad C Außentemperatur herrschen. :-)

Frage: Wenn Du die Maßnahmen in Deutschland und Frankreich vergleichst, gibt es große Unterschiede oder ähneln sie sich?
Volker Billen:

Wie ich schon ausgeführt habe, ähneln sie sich im Grunde, sind aber strikter hier in Frankreich.
Ab heute (20.04.2020) öffnen ja so langsam wieder die Geschäfte in Deutschland. Die Maßnahmen hier sind noch unverändert bis zum 11. Mai in Kraft. Lediglich Besuche in Altenheimen sollen ab heute unter Auflagen wieder erlaubt werden.
Das liegt sicher daran, dass hier in Frankreich die Trendwende (Motto: Mach die Kurve flach) zwar auch erkennbar ist, aber die Krankenhäuser in den meist betroffenen Regionen (u.a. Elsaß, Paris) immer noch am Limit arbeiten.


Frage: Wie reagieren die Menschen in Jargeau auf diese Maßnahmen? Akzeptieren sie die Einschränkungen?
Volker Billen:

Wir leben hier in Jargeau ja in einer kleinen Gemeinde. Viele wohnen in eigenen Häusern mit Garten oder haben ein bisschen Grün vor der Haustür. Im Supermarkt oder in der Innenstadt ist es allgemein leerer, die Einwohner respektieren die Maßnahmen und akzeptieren, soweit mir bekannt, in weit überwiegender Mehrheit die Einschränkungen und verhalten sich entsprechend.


Frage: Die Corona-Krise ist auch eine Herausforderung an die Solidarität der Menschen untereinander. Gerade das Schlagwort „fraternité“ (zu Deutsch: Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit) spielt in der französischen Geschichte eine besondere Rolle. Wie sieht es mit dieser „fraternité“ der Menschen in Jargeau untereinander aus?
Volker Billen:

Es gibt, wie ich das auch aus Deutschland gehört habe, viele Leute, die sich gegenseitig helfen. So gibt es Nachbarn, die sich zusammen tun und gemeinsam die notwendigen Einkäufe organisieren. Es gibt mehrere Frauen, die in Heimarbeit Masken herstellen um diese kostenlos oder gegen freiwillige Spenden abzugeben. Die Feuerwehr und die Polizei wurde schon damit ausgestattet. Wir selbst schneiden in der Familie seit einigen Tagen für eine Schneiderin Stoffbahnen in Vierecke um ihr zu helfen die Menge an Masken zu nähen, die angefragt werden.
Auch das Rathaus ist aktiv. Jede Woche werden die älteren oder/und am meisten isolierten Mitbürger angerufen, um zu erfahren, ob sie etwas benötigen. Die Kinder des medizinischen Personals werden seitens der Gemeinde betreut, auch jetzt in den Ferien, obwohl alle Kitas und Schulen ja seit 16. März geschlossen sind. Die Firma Zéfal (in Jargeau ansässiger Produzent von Fahrradzubehör) erhielt von einem chinesischen Lieferanten um de 2.000 Masken gratis. Die Stadtverwaltung verteilt/e diese an Personen die z.B. mit der Betreuung älterer Menschen betraut sind.


Frage: Solidarität beschränkt sich in unseren globalen Welt nicht nur auf das persönliche Umfeld. Gerade in der EU gehört Solidarität zu ihrem Selbstverständnis. Wie empfinden die Menschen in Jargeau die Solidarität der europäischen Partner, speziell der deutschen?
Volker Billen:

Es ist sicher bekannt, dass vor allem aus dem Elsaß Patienten in Luxemburg, der Schweiz und auch in Deutschland aufgenommen und in Krankenhäusern behandelt wurden. Präsident Macron hat dies in seiner letzten Fernsehansprache vergangenen Montag auch erwähnt und sich dafür bedankt.
Meine persönliche Meinung ist, dass diese Coronakrise sicher nicht als Glanzstück in die Geschichte der EU eingehen wird. Bei all dem nationalstaatlichen Denken und Handeln wurde da sicher einiges verpasst. Zum Glück hat sich das Blatt ja ein wenig gewendet, und die Europäer arbeiten aktuell, so mein Eindruck, besser zusammen (Stichwort: Finanzhilfen).


Frage: Das geplante jährliche Partnerschaftstreffen musste wegen Corona abgesagt werden. Was bedeutet das für die Partnerschaft zwischen Reilingen und Jargeau?
Volker Billen:

Ja, das ist wahr. Es ist jammerschade, dass diese persönliche Begegnung und Feier unserer Städtepartnerschaft nicht stattfinden kann und wir unsere Reilinger Freunde hier nicht begrüßen können/dürfen. Auch weil wir vom Vorstand aus schon ein so tolles Programm zusammengestellt und wie man so sagt: in trockenen Tüchern hatten! Alles abgesagt!
Ich bin mir aber ganz sicher, dass die Coronakrise keine negativen Auswirkungen auf unser Partnerschaft hat. Jeder hat Verständnis für diese ausgewöhnliche Situation. Die Freundschaften zwischen den Familien sind ja über (30) Jahre gewachsen. Viele sind seit Jahren echte Freunde, sie haben Urlaube miteinander verbracht, Hochzeiten und Geburtstage miteinander gefeiert. Die Kommunikation zwischen den Reilingern und "Gergoliens" wird ja deshalb nicht abbrechen, nur weil man sich nicht sehen kann. Das ist ja zwischen Freunden und Familien in Deutschland, die weit auseinander wohnen nicht anders. Wir leben ja glücklicherweise in einer vernetzten Zeit !

Frage: Welche Wünsche hast du an und für die Reilinger?
Volker Billen:

Ich wünsche mir, dass die Reilinger alle gesund durch diese Corona-Zeit kommen und wir uns (spätestens) im nächsten Jahr alle froh und munter wieder sehen.
Daher bitte ich die Reilinger auf sich aufzupassen und den Ratschlägen der Experten und Behörden zu folgen.


Eine persönliche Frage zum Schluss: Was hat sich für Dich persönlich durch die Corona-Krise verändert? Wie sieht euer Familienleben aus?
Volker Billen:

Sophie und ich, wir arbeiten im Homeoffice seit Mitte März. Und auch unsere gemeinsame Tochter macht ihre Aufgaben zum großen Teil am Computer. Was am Anfang einiges an Organisation erforderte, hat sich jetzt so einigermaßen eingespielt. Ich bin es als Lehrer ohnehin gewohnt, die Unterrichtsstunden zu Hause vorzubereiten. Dazu kommt jetzt allerdings der digitale Aspekt sehr viel stärker zum Vorschein. Ich entwickele mich, wie wir alle, zum kleinen Computer-Experten und bereite interaktive Arbeitsblätter und was nicht noch alles vor um die Kids einigermaßen bei der Stange zu halten.
Ansonsten haben wir wirklich viel Glück mit unserer Wohnsituation. Das Haus bietet ausreichend Platz, wir haben einen großen Garten und lieben es darin zu arbeiten. Ich bin mir sicher, Mitte Mai können wir es mit den besten Landschaftsgärten der Umgebung aufnehmen!
Wir nehmen, am Wochenende oder in den Ferien, jetzt viele Dinge in Angriff, die sonst liegen geblieben sind. (z.B. die Pergola streichen :-) ) Im Garten ist ein ernstzunehmender Fahrradparcours aufgebaut und an der Stelle, wo wir immer Family-Tennis spielen, ist schon kein Rasen mehr zu sehen!
Was ich aber auch merke ist, dass es nicht immer so einfach ist, weit von Teilen (meiner) Familie zu sein.
Meine Eltern in Westfalen haben zum Glück mit meinem erwachsenen Sohn eine Hilfe vor Ort. Das beruhigt dann doch, denn ich kann ja unter den gegebenen Umständen nicht mal eben hinfahren.

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