Eva Leonhardt

In diesem Bereich sollen Reilinger/innen zum Thema "Corona" zu Wort kommen.
Es wird in Interviewform aufgezeigt, wie dieses Virus unser tägliches Leben beeinflasst.
Vorschläge für Themem und Interviewpartner/innen sind willkommen!
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charly1607
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Registriert: 24. Mär 2020, 09:20

Eva Leonhardt

#1 Beitrag von charly1607 »

Eva Leonhardt,
Pfarrerin bei der Evangelischen Kirchengemeinde Reilingen.

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Frage:
Der Rückgang der Lohn- und Einkommensteuer bedeutet für die beiden christlichen Kirchen in Deutschland zusammen etwa 1,5 Milliarden Euro weniger Kirchensteuer. Wird sich dies Ihrer Meinung nach auch in der konkreten Arbeit vor Ort auswirken?

Eva Leonhardt::
Da habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Ich mache mir, was unsere Kirchengemeinde betrifft, weniger Sorgen um die Finanzen als um die Menschen, und was diese Krise mit deren Herz und Seele macht.


Frage:
Wie läuft derzeit die Arbeit in der Kirchengemeinde im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit ab?

Eva Leonhardt::
Das Pfarrbüro ist ja weiterhin erreichbar, auch wenn es für den Publikumsverkehr geschlossen ist. Ich telefoniere viel mehr als vorher und schreibe mehr Emails.

Frage:
Finden noch Sitzungen des Kirchengemeinderates statt und falls ja, in welcher Form. Wie werden Entscheidungen getroffen?

Eva Leonhardt::
Der Kirchengemeinderat bespricht sich gerade sehr viel über Emails und Telefonate. Entscheidungen werden per Umlaufbeschluss getroffen. Gestern hatten wir das erste Mal eine Sitzung als Videokonferenz. Das war zu Beginn ungewohnt, aber wir haben es trotz einiger technischer Tücken geschafft.

Frage:
2020 ist auch Kirchenjubiläum mit vielen geplanten Terminen.
Werden diese nun alle ausfallen oder warten Sie den weiteren Verlauf ab?

Eva Leonhardt::
Noch sind wir zuversichtlich, dass wir nicht alles absagen müssen. Aber alles, was bis vor den Sommerferien geplant war, wird vermutlich erstmal verschoben – und wenn es dann vielleicht auch erst im nächsten Jahr stattfinden kann. Einiges musste ja auch schon ausfallen, z. B. das Orgelkonzert für Kinder oder die Kirchenführung anlässlich der Weinbrenner-Ausstellung. Für letztere haben wir aber eine kreative alternative Lösung gefunden: die Bilder sind jetzt in einer virtuellen Galerie auf unserer Homepage zu sehen


Frage:
Auch die Einweihung des neuen Lutherhauses wird wohl ausfallen.
Ist dafür schon ein neuer Termin vorgesehen?

Eva Leonhardt::
wir machen uns natürlich schon Gedanken, aber ich finde, es ist noch zu früh, konkret was zu sagen. Je früher man einen Termin setzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass man ihn doch verschieben muss. Auch für die Konfirmation und die ausfallenden Taufen werden wir erst nach den Osterferien Termine festlegen.

Frage:
Wie halten Sie den Kontakt zu den Mitgliedern Ihrer Kirchengemeinde. Nutzen Sie beispielsweise auch neue Medien?

Eva Leonhardt:
Wir tasten uns langsam ran. Es läuft jetzt viel mehr über unsere Homepage, auch einiges über Facebook, und auch ganz altmodisch über unseren Schaukasten, den Gemeindebrief, die „Reilinger Nachrichten“ und Zeitung. Die einzelnen Gruppen sind unterschiedlich vernetzt, über Whatsapp-Gruppe, Mail-Verteiler oder Telefonliste. Der Bibelkreis trifft sich jetzt regelmäßig per Videokonferenz zur Bibelstunde – es geht also. Vorreiter in Sachen „Neue Medien“ ist unser Oberlin-Kindergarten, der hat schon gleich zu Beginn der Schließung einen Youtube-Kanal eingerichtet.

Frage:
Was hat sich bei Beerdigungen verändert und wie gehen die trauernden Angehörigen damit um?

Eva Leonhardt::
Trauerfeiern dürfen nur unter freiem Himmel stattfinden, nicht in der Trauerhalle. Die Anzahl der Personen, die daran teilnehmen dürfen, ist stark eingeschränkt. Inzwischen dürfen laut Verordnung des Kultusministeriums Angehörige der direkten Linie, also Eltern, Kinder, Enkelkinder und auch deren Partnerinnen und Partner teilnehmen, dazu noch fünf weitere Personen. Das ist ein Zugeständnis an Familien, in denen es viele Kinder und Enkel gibt. Aber wenn der / die Verstorbene viele Geschwister hatte, kann es trotzdem sein, dass nahestehende Angehörige nicht, oder nur aus der Ferne teilnehmen können. Wir planen deshalb noch einmal eine Gedenkfeier für die Verstorbenen in der Kirche, wenn große Gottesdienste wieder erlaubt sind. Ansonsten versuchen wir Pfarrer*innen in Zusammenarbeit mit Bestattungshäusern, Friedhofspersonal und Kommunen, möglich zu machen, was möglich ist, z. B. Musik auch draußen über eine mobile Anlage einzuspielen. Trauergespräche führe ich inzwischen telefonisch – das ist natürlich nicht das gleiche wie ein Besuch im Trauerhaus. Die Abläufe besprechen wir sehr genau. Die Angehörigen brauchen in dieser Situation vor allem Sicherheit.


Frage:
Gibt es irgendwelche Möglichkeiten für die Reilinger Bevölkerung an einem Gottesdienst teilzunehmen?

Eva Leonhardt::
Einen Gottesdienst-Stream wie z. B. in Neulußheim gibt es bei uns nicht. Aber ich bereite jede Woche ein „Gottesdienstblatt für zuhause“ vor, das ab Samstag Abend auf unserer Homepage steht und auf Wunsch auch in den Briefkasten geliefert wird. Da findet man neben einer Predigt auch Gebete, Lesung und Liedvorschläge. Sonntags um 9:45 Uhr läuten wir zur gewohnten Zeit die Glocken, und wer möchte, kann dann den Gottesdienst in der Hausgemeinschaft zusammen feiern.

Frage:
Wir befinden uns in der Karwoche, die Woche vor den höchsten christlichen Fest: Ostern. Wie können sich die Reilinger auf das Osterfest vorbereiten?
Eva Leonhardt:
Indem man es vielleicht einfach aushält, dass man sich nicht wie sonst vorbereiten kann - sozusagen auf den Verzicht verzichten muss, den man sonst an Karfreitag zelebriert. In meinem Karfreitags- Impuls habe ich mir Worte eines Kollegen geliehen, der das sehr knapp und treffend beschreibt: Mehr hinschauen geht nicht als an diesem Karfreitag. Nichts lenkt ab. Kein schönes Orgelvorspiel; kein voller Gemeindegesang zu „O Haupt voll Blut und Wunden“. Nur ich und das Kreuz, nur ich und der Gekreuzigte.

Frage:
Das Osterfest selbst, wie lässt sich diese Fest unter den gegebenen Bedingungen angemessen feiern?

Eva Leonhardt:
Auch hier wieder die Frage: was ist eigentlich angemessen? Das erste Ostern war weder besonders festlich noch richtig fröhlich, noch hat es in einer Kirche stattgefunden, sondern die Osterfreude hat sich ganz vorsichtig Raum gemacht. Der auferstandene Jesus ist anfänglich in den Evangelien nur Menschen begegnet, die allein, zu zweit, höchstens zu dritt waren. Und es hat trotzdem etwas mit ihren Herzen gemacht, und mit unseren Herzen auch. Wieder finde ich die Aussage eine Kollegen sehr passend: Vielleicht kann man einfach geschehen lassen, was jetzt geschieht, was die Leute sich auf die Schnelle ausdenken, auch wenn es nur eine kurze Halbwertzeit hat. Wer wüsste wirklich, wie es gehen muss im Moment?

Zwei persönliche Fragen zum Schluss.
1) Was meinen, wie hat sich Ihr Glaube durch die Coronra-Krise weiterentwickelt? Was wude Ihnen wichtiger, was unwichtiger?

Eva Leonhardt:
Es ist mir nochmal die Stärke und das besondere unseres christlichen Glaubens bewusst geworden: Gott bewahrt uns nicht vor dem Leid, aber er ist mit uns im Leid. Vielleicht können wir aus eigener Kraft gerade keine Gemeinschaft leben, aber auch in der Isolation ist Gott uns nahe. Der Glaube an Gott - wie immer wir diesen gerade auch leben - verbindet uns doch weiterhin. Aber ja, ich merke auch, wie sehr ich die gottesdienstliche Gemeinschaft, den gemeinsamen Gesang, die unmittelbare Resonanz der Gemeinde für meine Arbeit brauche. Das Gesellige fehlt mir schon sehr. Aber um so schöner wird dann der erste Gottesdienst sein, den wir wieder in der Kirche feiern dürfen.

2) Wie ist das so zu Hause mit zwei Kindern, welche normalerweise den Kindergarten besuchen. Haben Sie mehr Zeit für Ihre Familie, oder ist eher das Gegenteil der Fall?

Eva Leonhardt:
Ich bin schon öfter zuhause als vorher, bin dann aber auch dort oft im Arbeitsmodus. Jetzt in der Karwoche ist natürlich trotzdem viel zu tun. Von der vielbeschworenen Entschleunigung merke ich noch nicht so viel . Richtig abschalten und bewusste Familienzeit klappt am besten draußen bei Spaziergängen oder Radtouren.

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